Frauen am Ball

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Fußball fürs Leben

Auch junge Frauen können kicken

Im Armenviertel Tejarcillos vor der Hauptstadt Costa Ricas trainieren Mädchen nicht nur für den Sport, sondern auch fürs Leben. Immer samstags am Vormittag ist der kleine Sportplatz in Tejarcillos in weiblicher Hand. Man hört es schon von weitem, an den Stimmen und am Lachen. In Costa Rica ist es noch immer etwas besonderes, wenn Mädchen Fußball spielen. Der Platz am Rand des Armenviertels südlich der Hauptstadt San José ist der einzige Ort weit und breit, an dem Kinder und Jugendliche kicken können ohne Gefahr zu laufen, von einem Auto überrollt zu werden.

Eigentlich ist es gar kein Fußballplatz, auch wenn zwei alte Tore darauf stehen. Die Fläche ist betoniert und hat eher die Ausmaße eines Basketballfelds. Samstags finden hier die Übungsstunden der Stiftung "Fußball für das Leben" statt. Trainiert wird in drei Gruppen hintereinander. Die Zeit von 9:30 bis 11 Uhr gehört den Mädchen.

Das Projekt wurde 2003 von Mitarbeitern der Lutherischen Kirche in Costa Rica ins Leben gerufen, um Kinder und Jugendliche aus armen Verhältnissen von der Straße zu holen und ihnen Perspektiven für eine bessere Zukunft aufzuzeigen. Inzwischen ist daraus eine professionell arbeitende Stiftung geworden, die von "Brot für die Welt" finanziell unterstützt wird. Für sie arbeiten ausgebildete Fußballtrainer, aber auch Sozialarbeiter und Psychologen. Neben den mehrmals pro Woche stattfindenden Trainings organisieren sie Workshops zu Themen wie Freizeitgestaltung, Drogen, Sexualität, HIV/Aids und häusliche Gewalt.

Wendoly Guevara ist 13 und spielt seit zwei Jahren bei "Fußball für das Leben" mit. Sie kommt in kurzen blauen Hosen, einer schwarzen Bluse und schwarzen Schuhen. Keine richtigen Fußballschuhe, das wäre zu teuer und sie würden auf dem Betonplatz ohnehin nichts nützen. Immer wieder rennt sie den Abhang am Rand des Spielfelds hinunter, weil der Ball über den Platz hinaus geschossen wurde und hinunterkullert zu dem kleinen Fluss, in dem die Bewohner des Armenviertels ihren Müll abladen. Klaglos steigen die Mädchen immer wieder in diese Kloake hinunter. Das Spiel muss schließlich weitergehen.

Gleich hinter dem Sportplatz beginnen schier endlose Gassen mit kleinen eingeschossigen Reihenhäuschen, jedes kaum 30 Quadratmeter groß. In Wendolys Häuschen leben 17 Menschen: Vater, Mutter, Geschwister, Schwager, Cousinen, Neffen... Wenn man durch die engen Gassen zu ihr nach Hause geht, dröhnt einem aus jeder Wohnung ein anderer Musik stil entgegen. Hipphopp, Schnulzen, mexikanische Volksmusik.

Am Samstag morgen lässt Wendoly diesen Lärm für eine Weile hinter sich. Zusammen mit Jessica Ramírez, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, geht sie hinunter zum Sportplatz. Die beiden Mädchen besuchen die kleine Volksschule von Tejarcillos, aber nicht die selbe Klassenstufe. Beide müssten eigentlich weiter sein: Wendoly geht in die dritte Klasse, Jessica in die fünfte. Aber immerhin, sie lernen. 15 Prozent der Kinder von Tejarcillos verlassen die Grundschule ohne Abschluss und suchen sich irgend einen Job als Tagelöhner, um zu überleben. Die Zahl der Schwangerschaften bei 15- bis 19-jährigen Mädchen liegt um 30 Prozent über dem Landesdurchschnitt.

Es sind Mädchen wie Katya Pérez, die solche Statistiken füllen. Sie ist 18, ihre Tochter ist eineinhalb Jahre alt und sie hat keinen Schulabschluss. Trotzdem gehört sie zu den besten Übungsleiterinnen von "Fußball für das Leben". Sie erklärt nicht nur Mädchen, sondern auch männlichen Gruppen, was auf dem Betonplatz von Tejarcillos gilt: Ein faires und aggressionsfreies Spiel nach selbst geschaffenen Regeln ist wichtiger als viele Tore.

Katya wird nicht nur auf dem kleinen Sportplatz am Rand des Armenviertels geschätzt. Wenn in der nationalen Fußballliga entscheidende Spiele anstehen, wird sie oft als Leiterin einer Gruppe von Balljungen angefordert. Sie habe das Zeug, die anderen unparteiisch anzuleiten und unter Kontrolle zu halten. Und sie verdient ein paar Euros durch die Arbeit in einem kleinen Recycling-Center, das ältere Jugendliche der Stiftung betreiben. "Fußball für das Leben" hat ihrem Leben eine neue Struktur gegeben.
Das Armenviertel gilt als gefährlich. Das Team von "Fußball für das Leben" ist schon überfallen worden, das örtliche Gesundheitszentrum bereits drei Mal. Jessica und Wendoly haben gelernt, sich zu verteidigen. "Klar gibt es hier Jungs, die sagen, Fußball sei nichts für Frauen", sagt Jessica. "Ich ignoriere sie einfach." Der Himmel hat sich zugezogen, es beginnt zu nieseln. Die Übungsstunde für die Mädchen ist vorbei, jetzt sind die Jungs an der Reihe. "Da sind ein paar Egoisten dabei", sagt Wendoly. "Die haben noch nicht begriffen, dass auch wir Frauen kicken können."

Weitere Informationen zu diesem Projekt finden Sie unter: www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/fpv


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 16. Januar 2019 16:29