Sydney 2000

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Die Aborigines

Cathy Freeman und ein 400 m Lauf, der Australien verändern kann

Können 400 Meter die Welt verändern? Wer die Stimmung beim 400 m Finale der Frauen im Olympischen Stadion erlebt hat, der ahnte, dass dieser Abend eine historische Stunde für Australien gewesen sein dürfte. Wenn es eine "Abstimmung mit den Füßen", mit den "Emotionen" über eine Neuorientierung der australischen Gesellschaft zu ihren vergessenen Ureinwohnern gibt, dann hat ein sportlicher Wettkampf mit einer sympathischen, überragenden Athletin eindrucksvoll dokumentiert, wo es lang gehen soll. Noch mehr als der tosende Beifall beim Entzünden des Olympischen Feuers lagen Hoffnung auf Neuanfang, unausgesprochene Schuld und Bitte um Vergebung für eine fast gnadenlose Geschichte in diesem Meer der Fahnen und begeisterten Menschen. Sydney, ein ganzer Kontinent - die Welt - war ergriffen von diesem Moment. Selten hat sich ein sportbezogner Wunsch - "hoffentlich gewinnt sie" - so sehr mit anderen Diskussionsstoffen überlagert: Warum gibt es noch keine offizielle Entschuldigung des Staates für das begangene Unrecht an den Ureinwohnern? Warum fällt es seinen Vertretern so schwer, ein erstes "I'am sorry" zu sprechen? Sind die Hardliner im konservativen Lager noch zu mächtig? Bricht das Eis durch den Sport, durch die emotionale Begeisterung, die Sympathie mit Cathy Freeman?

Die Kirchen hatten in diesen Sommer einen ersten Schritt gewagt. Die Generalsynode der Lutherischen Kirche in Australien bat in einem liturgischen Akt als vorläufiger Höhepunkt der kritischen Beschäftigung mit ihrer kirchlichen Vergangenheit (z. B. Missionsarbeit) im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung am 23. Juli dieses Jahres die Ureinwohner in aller Form um Vergebung für begangenes Unrecht der eingewanderten Europäer. Australien braucht solche Zeichen der Versöhnungsbereitschaft, die auch den Weg der schmerzhaften Erinnerung nicht scheuen, denn nach einer alten jüdischen Weisheit gilt: "Erinnerung schafft Versöhnung - Vergessen aber verlängert das Exil".

Australien tut sich schwer mit den Aborigines, den vergessenen Ureinwohnern. Die Souvenirläden quellen zwar über von Boomerangs und Didjeridus, von Schlagstäben und Erdbildern, aber von einer Anerkennung bzw. Eingliederung der Ureinwohner in die australische Gesellschaft ist man noch meilenweit entfernt. Ca. 260.000 Aborigines leben heute in Australien, ihre soziale und gesellschaftliche Stellung ist desolat. Ihre Lebenserwartung ist über 20 Jahre niedriger, hohe Jugendkriminalität und Arbeitslosigkeit machen deutlich, dass sie in ein Rechts- und Bildungssystem der weißen Zivilisation nicht integrierbar sind, Alkoholismus und Obdachlosigkeit sind Ausdrucksformen dieses Elendes und ihrer Entwurzelung. Zu fremd ist ihre Kultur, Religion und Spiritualität, sie haben ihre Geschichte nie aufgeschrieben und - nach unseren Vorstellungen - keine Schrift entwickelt. Ihre religiösen Gefühle erlaubten ihnen nicht, den heiligen Boden durch den Ackerbau zu verletzen und auch vor der Jagd baten sie die Geister der Tiere um Verzeihung. Wer so behutsam und rücksichtsvoll mit der Schöpfung umgeht, hat letztlich keine Chance gegen eine Zivilisation, die ihrem Leben über Eroberungs- und Besetzungsgeschichten immer wieder Siege hinzufügen muß.

Cathy Freeman, nun der erste Siegertyp der Aborigines? Die Rolle, in die sie durch ihre sportlichen Leistungen hineingewachsen ist, hat ihr im eigenen Volk auch kritische Stimmen eingebracht; Vorwürfe, sie würde als "exotische Marionette" der Weißen mißbraucht werden und der Sache der Anerkennung und Würde der Aborigines letztlich schaden, wurden am Rande laut. Sicherlich, sie hat sich in den kulturellen Kontext einer weißen Zivilisation erfolgreich hineinbegeben, aber da sie ist schon seit Beginn ihrer Sportkarriere die Ehrenrunden mit der Fahne der Aborigines gelaufen ist, kann man ihr Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit assistieren. Nur, wenn auch die innere Ausstrahlung stimmt, wird man emotionale Leitfigur und Liebling einer Nation; da mögen die Werbestrategen und Texter von Nike noch so viele gekonnte - mit religiösen Botschaften gefüllte - Bilder von ihr in Szene setzen: Cathy als silberner Engel: "Make them doubt - Laß sie zweifeln" oder im kämpferischen grünen Rennanzug: "Change the world - Verändere die Welt".

Ein 400 m Lauf allein verändert die Welt noch nicht, aber er kann ein erster Schritt sein zu mehr Aufmerksamkeit und Beachtung, zur Veränderung des Bewußtseins. Viele weitere Schritte müssen folgen, Projekte zur Förderung des Selbstbewußtseins der Aborigines. Es gibt keine Patentrezepte und es wird ein langer, phantasievoller Weg zu mehr Integration und Eigenständigkeit der Ureinwohner sein.

Die Kirchen versuchen z. B. über die Dimension einer 'ökologischen Spiritualität' Anknüpfungspunkte und Annäherungen zwischen fremden Traditionen und Einstellungen zu ermöglichen. In der Olympiabroschüre "Mittendrin" schließt der "Feuersegen der Aborigines" mit den Wunsch:

"Möge das Feuer in unserem ganzen Wesen sein;
in unseren Beinen und Füßen,
so dass wir fähig sind,
mit Ehrfurcht und Fürsorge über die Erde zu gehen,
damit wir Wege der Güte und Wahrheit
einschlagen können
und davor beschützt sind,
uns von dem zu entfernen, was die Wahrheit ist.."


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Publikationsdatum dieser Seite: Dienstag, 13. März 2018 17:03