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"Wir sind verschieden und doch gleich"

Interview mit Prof. Wolfgang Huber, vormals Bischof von Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Quelle: Bundesliga-Magazin August 2011

Prof. Wolfgang Huber (68) war 15 Jahre Bischof von Berlin-Brandenburg und bis 2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er ist ein engagierter Vermittler zwischen Religion, Politik und Gesellschaft und ein Vordenker in ethischen Fragen. Mit dem Fußball ist der Theologe eng verbunden. Er ist Kuratoriumsmitglied der Stiftung Hertha BSC Berlin und Ehrenmitglied des Clubs.

Der Fußball behauptet, dass er eine integrative Funktion besitzt. Stimmen sie dieser Aussage zu?

Prof. Huber: Das Institut für Sport, Wirtschaft und Gesellschaft der EBS-Universität in Oestrich-Winkel hat mit einer Studie eindeutig belegt, dass der Fußball integrativ wirkt. Das empirische Material zeigt exemplarisch an der Arbeit der Leistungszentren der Bundesliga-Clubs, dass die Integration eine ganz herausragende Rolle spielt. Bei Hertha BSC haben wir die Ausbildung bewusst damit verbunden, dass wir auch die Einrichtung von Bolzplätzen in sozialen Brennpunkten in Berlin ebenso wie im grenznahen Gebiet zwischen Deutschland und Polen unterstützt haben. Es geht darum, Integration auch in sozialen Brennpunkten und sozial problematischen Gebieten mit höherem Ausländeranteil zu fördern.

Betrachten sie es als Selbstverständlichkeit, dass sich der Fußball um Integration bemüht?

Prof. Huber: Es ist ein gutes Zeichen, dass die Liga die Nachwuchsförderung zur Pflichtaufgabe gemacht hat, damit Vereine überhaupt ihre Lizenz bekommen. Dabei spielt die Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund eine große Rolle. Dies ist gut für die Integration, aber es ist auch gut für die fußballerische Qualität, weil es unter den jungen Migranten ganz außerordentliche fußballerische Begabungen gibt.

Warum funktioniert Integration im Fußball so gut?

Prof. Huber: Der Mannschaftssport ist ein besonders gutes Mittel der Integration, weil sich die Sportler bei aller Unterschiedlichkeit aufeinander einstellen müssen. Er funktioniert auch deswegen gut, weil die Verständigung nicht nur mit Worten, sondern auch durch die sportliche Aktion abläuft. Deswegen ist auch der Fußball ein ideales Erfahrungsfeld für den Hauptgrundsatz der Integration: Wir sind verschieden und doch gleich. In den großen Zusammenhang gestellt heißt das, die Würde eines jeden Menschen anzuerkennen und ihn zugleich in seiner Verschiedenheit zu achten. Rückstände der sprachlichen Verständigung hindern uns zwar nicht am gemeinsamen Fußballspielen, aber umgekehrt trägt dies dazu bei, eine gemeinsame Sprache zu lernen.

Kann der Fußball ein Vorbild sein für andere Bereiche, in denen ein größerer Nachholbedarf beim Thema Integration besteht?

Prof. Huber: Fußball ist schon lange eine Sportart, die soziale Grenzen überschreitet. In dieser Hinsicht hat er schon immer eine große Integrationskraft ausgeübt. Auf den Fußballplatz gehen Leute mit ganz verschiedenen Berufen, mit mehr oder weniger beruflichem Erfolg, mit ganz unterschiedlichem Bildungsstand. Von daher hat der Fußball anders als andere Sportarten ein sehr viel breiteres soziales Spektrum. Er hat auch Zugang zu anderen Fans aus Sportarten wie Handball, Hockey oder Basketball. Fußball war nie, auch in anderen Ländern nicht, ein spezifischer Hochschulsport. Es ist ganz wichtig, aber auch eindrucksvoll, dass der Fußball seine besondere Art der sozialen Kompetenz jetzt auch einsetzt für die große Aufgabe unserer Zeit. Das ist die Integration.

Muss oder sollte der Integrationsprozess christlich orientiert sein?

Prof. Huber: Er sollte so orientiert sein, dass der religiöse und weltanschauliche Hintergrund der Menschen explizit und ausdrücklich zur Sprache kommen kann. Christen im Sport, aber auch die christlichen Kirchen insgesamt sollten sich ihrer Aufgabe bewusst sein und das elementare christliche Motiv zur Geltung bringen, das in der Liebe zum Nächsten und in der Anerkennung seiner Würde bei aller Verschiedenheit besteht. Darin liegt einfach ein großes Gut, eine große Kraft, die der christliche Glaube in diesen Prozess einbringt. Das zur Geltung zu bringen ist richtig, ohne dass dadurch Menschen anderen Glaubens oder anderer Weltanschauung ausgegrenzt werden. Das Gegenteil sollte der Fall sein. Ein wichtiger Beitrag der Religion besteht übrigens auch darin zu lernen, dass der Fußball selbst keine Religion ist.
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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 16. Januar 2019 16:29