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Sonntagsblatt: Kirche ohne Sportsgeist

»Eichenkreuz« und der protestantische Abschied von der Volkskirche

Kommentar von Markus Springer

Verblüffend, wie manchmal Meldungen und Ereignisse ineinanderfallen. Pünktlich zum Start der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine war zu lesen, dass die Evangelische Jugend noch in diesem Jahr in Nürnberg zwei zentrale Standorte der »Eichenkreuz«-Sportarbeit aufgeben muss.

Fast 100 Jahre alt ist die evangelische Sportmarke »Eichenkreuz«. Ihre Wurzeln reichen bis ins 19. Jahrhundert, traditionell ist sie Teil evangelischer Jugendarbeit. Aufs heute deutschnational anmutende evangelische Eichenlaub hat sich Staub gelegt, während der Fußball zur Volksreligion aufgestiegen ist.

In München gibt es schon länger keine eigenständige kirchliche Sportarbeit mehr. »Eichenkreuz« wurde dort in einen privaten Verein abgeschoben. Nun soll in Nürnberg die bayernweit einzige kirchliche Sportanlage dichtmachen. Die Stelle des Sportreferenten der Evangelischen Jugend Nürnberg soll künftig eine Mitarbeiterin mit einem Stundenkontingent von 7,5 Stunden ersetzen.

Es lässt sich freilich gut darüber streiten, ob die Kirche eine eigene Sportanlage betreiben muss. Doch der kirchliche Rückzug aus dem Sport ist Symptom einer tiefer liegenden Krise. »Milieuverengung« nennen die Soziologen, was dem organisierten Protestantismus seit Jahrzehnten widerfährt. Gemeint ist, dass die Kirche nur noch immer kleinere Teile der Gesellschaft erreicht und zunehmend um sich selbst kreist. Wobei »widerfährt« nach dem Wirken höherer Mächte klingt, wo vieles erkennbar hausgemacht ist.

Zum Fußball mag man stehen wie man will: Sicher ist, dass es nur wenige Themen in unserer Gesellschaft gibt, die dauerhaft über alle Schichtgrenzen hinweg so verbindend wirken wie der Fußball. Fußball ist - nicht nur für den Großteil der männlichen Bevölkerung - ein Thema, über das der Vorstand und der Lagerarbeiter, der Professor und der Jugendliche aus dem Bildungsprekariat ins Gespräch kommen können.

Sport kann Grenzen überwinden - soziale, religiöse und politische. Die Fußball-EM zeigt, wie Sport und Politik heute untrennbar miteinander verwoben sind. Die Evangelische Jugend Bayern weiß das und nimmt Ende Juni mit über 100 Läufern am Fürther »Metropolmarathon« mit ihrer Aktion »Laufen für Gerechtigkeit« teil.

Andere Kirchenvertreter reden zwar gerne und oft davon, wie wichtig es ist, »Grenzen zu überwinden«. In ihrem Rückzug aus gesellschaftlichen Bereichen wie dem Sport spricht die Kirche de facto aber eine andere Sprache. Klar, es ist einfacher, am Sport zu sparen, als die theologische Personalstruktur der Kirche zu verändern. Aber Abschied vom volkskirchlichen Anspruch und Rückzug hinter vermeintlich sichere Kirchenmauern führen nur dazu, dass diese Mauern umso schneller wanken werden - ein Blick auf die kirchenpolitischen Ziele von Grünen, Linken und Piraten genügt.

Paulus hätte es vielleicht so gesehen: Den Kampf um möglichst breite Sprachfähigkeit in die Welt hinein nicht anzunehmen und sich müde in die Kirchennische zurückzuziehen, das zeigt einfach nur eins: wenig Sportsgeist.

(mit freundlicher Genehmigung des Sonntagsblatt Bayern)

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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 16. Januar 2019 16:29