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Vollbad im Fußball-Jubel

Fans genießen beim Public Viewing die Gemeinschaft und wollen Spaß

In der Herde den Jogi-Jungs zujubeln und dabei ordentlich Party machen: Zur Fußball-Europameisterschaft ist in Deutschland das Public Viewing vor riesigen Leinwänden wieder in Mode. Schließlich ist geteilte Freude doppelte Freude.

Die Fingernägel sind schwarz-rot-gold lackiert, die Wangen mit den deutschen Farben geschmückt. Fans prusten pausbackig in ihre Tröten. Vor dem gewaltigen Bildschirm stampfen 2.500 Fans nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal ihren Jubeltanz in das Pflaster. Wie in der Bremer Überseestadt kocht vielerorts beim Public-Viewing zur Europameisterschaft in Polen und der Ukraine die Fußballseele hoch. Rudelgucken vor der Riesenleinwand: Das ist gerade wieder in. Der kollektive Jubel verbinde, sagt der Kölner Fanforscher Martin Thein.

Auch Thomas und Nafra fiebern unter schwarz-rot-goldener Kopfbedeckung am Bremer Europahafen mit den Jungs um Jogi Löw. Sie mit aufgesteckten Hasenohren, er mit struppiger Perücke. "Wir wollen Spaß und lieben die Gemeinschaft", sagt der Mittdreißiger Thomas und wendet sich schnell wieder dem Geschehen auf der 40 Quadratmeter messenden Leinwand zu. Nur nichts verpassen.

Public Viewing, das ist ein Phänomen auf Wiedervorlage. Nach Auffassung des Politologen und Fanforschers Thein nahm es während des "Sommermärchens", der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, seinen Anfang. Dabei sind die meisten unter den Gästen in den Fanarenen nach seiner Analyse gar nicht durch und durch vom Fußballvirus durchdrungen. "Viele sind mit Handy und Smartphone unterwegs und machen noch während der Übertragung die nächste Verabredung klar", hat der Mitbegründer der Internet-Plattform fankultur.com und des Kölner Instituts für Fankultur beobachtet.

Während die Fußballverrückten eher unter ihresgleichen in einschlägigen Kneipen ihrer EM-Leidenschaft frönen, treffen sich bei den Übertragungen unter freiem Himmel Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. So sind am Bremer Europahafen und in anderen Fanmeilen etliche Frauen zu sehen, die besonders Nationaltorwart Manuel Neuer in den Schlussminuten zujubeln. Denn der Keeper stürzt aus seinem Tor heraus und pariert im Spreizschritt und mit grandioser Reaktion einen Schuss des Portugiesen Varela. Weltklasse!

Die einen berauschen sich an diesem Fußball-Erlebnis in der Herde. Die anderen haben am Ende kaum eine Ahnung, wer ein Tor geschossen hat und wollen in erster Linie Party feiern. An den Bierständen am Rande mischt sich das Volk und kommentiert das Spielgeschehen. Dabei wird schnell klar: Tendenziell sind es eher Gelegenheitsfans, die zum Leinwandfußball in der Masse anreisen. "Aber alle wollen raus aus der Vereinzelung, wenigstens für die Wochen der Europameisterschaft, dann ist alles wieder vorbei", sagt Thein. Wobei die Zahl der Fans vor den Leinwänden vom Erfolg der deutschen Nationalmannschaft und auch vom Wetter abhänge.

Ein Phänomen also, das direkt mit der deutschen Nationalmannschaft verbunden ist? Davon ist der Fanforscher überzeugt. Wer sich darauf einlässt, wer den Hintern hochbekommt und die Couch verlässt, hat nach seinen Beobachtungen auch emotional einen Mehrwert. Denn in der Masse würden Verzweiflung und Freude geteilt. Und alle erfasse das gute Gefühl, einfach dazuzugehören und Teil einer Macht zu sein. "Gemeinschaft, Heimat, Identität - das verbindet vor der Leinwand."

Das bieten auch Tausende Kirchengemeinden, die landauf landab in ihren Zentren Fan-Feste organisieren. Thomas und Nafra jedenfalls sind am Ende glücklich. "So kann es weitergehen", freut sich Thomas und hofft auf den nächsten Erfolg der Jogi-Jungs beim Public Viewing. Mittwoch ist es so weit. Dann fiebert das Paar wieder mit, wenn das deutsche Team ab 20.45 Uhr im ukrainischen Charkiw gegen die niederländische Nationalmannschaft spielt.

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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 16. Januar 2019 16:29