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Anderer Fußball ist möglich

Bei der Straßen-WM gibt es auch Punkte für Fairness

São Paulo (epd). Es kommt nicht oft vor, dass das kleine westafrikanische Land Sierra Leone die Großmacht Brasilien im Fußball besiegt. Und auch die Außenseiter Philippinen sind bei der Weltmeisterschaft in Brasilien dabei. Das deutsche Team hofft, noch ins Halbfinale zu kommen. Südafrika gilt als Favorit und hat schon die Top-Auswahl von Argentinien besiegt. Bei der Straßenfußball-Weltmeisterschaft in São Paulo ist alles möglich. Während die offizielle WM in Brasilien auf das Finale zusteuert, kicken 24 Straßenfußballer-Teams aus 20 Ländern um ihren eigenen Titel.

Dabei zählen nicht nur die geschossenen Tore. Punkte werden auch für Fairness, Solidarität und respektvollen Umgang vergeben. Schiedsrichter, Gelbe Karten und Platzverweise gibt es nicht. "Hier geht es auch ums Siegen, aber vor allem um Fairness im Sport", sagt Projektleiter Antonio Eleilson Leite.

Der Campus aus Kunstrasen mit Tribünen wurde auf einem Platz errichtet, auf dem viele der Protest-Demonstrationen gegen die FIFA-WM im vergangenen Jahr begannen. "Der Ort hier steht für die soziale Bewegung in Brasilien, mit der wir eng verbunden sind", betont Leite. Ein Gespür für die soziale Realität, für die Kluft zwischen Arm und Reich bekommen die rund 300 Teilnehmer auf jeden Fall. Sie sind in Schulkomplexen in Favelas und im ärmlichen Stadtrandvierteln von São Paulo untergebracht.

30 Minuten spielen die aus Mädchen und Jungs gemischten Mannschaften gegeneinander, angefeuert von den Zuschauern und den anderen Teams. Der Sieger bekommt drei Punkte, bei einem Unentschieden gibt es zwei und auch der Verlierer geht mit einem Punkt nicht leer aus. Die gleiche Anzahl von Punkten wird für Fairness im Spiel und Respekt vergeben. Nach dem Spiel setzen sich die Teams auf dem Rasen zusammen und handeln die Punktzahl aus. "Wir wollen zeigen, dass ein anderer Fußball möglich ist. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist von der Fairness des Sports leider viel verloren gegangen", sagt Leite.

Die deutsche Mannschaft ist aus Hamburg angereist. "Wir haben erst im März von der Straßenfußball-WM erfahren, fanden die Idee aber super", erzählt Betreuerin Jule Kliefoth, die beim FC St. Pauli in einem Fanprojekt arbeitet. Sieben Spieler im Alter zwischen 15 und 22 Jahren sind dabei. Das deutsche Team wohnt in der Favela Parasiópolis, einem der ärmsten Viertel in São Paulo. "Wir wurden sehr gastfreundlich aufgenommen", erzählt Kliefoth.

Mit den Bewohnern hätten sie die WM-Spiele gemeinsam im Fernsehen geschaut. "Das war eine wunderbare Erfahrung", ergänzt der zweite deutsche Team-Betreuer, Andreas Pless. Überall seien sie zu Kuchen oder gegrilltem Fleisch eingeladen worden. Angst vor Gewalt oder Überfällen haben sie nicht. "Wir fühlen uns sicher", sagen beide. Die Erfahrung, das andere Brasilien fernab der herausgeputzten Shopping-Paläste kennenzulernen, möchten sie nicht missen.

Das Konzept Straßenfußball für Toleranz und Versöhnung wurde in den 90er Jahren in Kolumbien entwickelt. Anlass war der Mord an dem kolumbianischen Fußballstar Andrés Escobar, der 1994 nach einem Eigentor erschossen wurde. Schnell breitete sich die Idee über ganz Lateinamerika und dann weltweit aus. 2006 wurde die erste Straßenfußball-WM als Teil des offiziellen FIFA-Kulturprogramms während der Weltmeisterschaft in Deutschland abgehalten.

Gekickt wurde damals im Berliner Multikulti-Kiez Kreuzberg. Auch 2010 in Südafrika waren die Straßenfußballer mit einer eigenen Weltmeisterschaft mit dabei. Doch in diesem Jahr wollten sich die Organisatoren vom umstrittenen Weltfußballverband lossagen und organisierten das Projekt unter eigener Regie.

Bonna Vanguardia und Youbert Bandidas sitzen auf der Tribüne und feuern das Team aus Ghana an. Beide kommen aus den Philippinen und sind begeisterte Fußballer. "Für mich ist es das größte Erlebnis, hier in Brasilien zu sein", sagt Vanguardia strahlend. Sie und ihre Mitstreiter sind das erste Mal ins Ausland gereist und freuen sich über den großen Zusammenhalt aller Mannschaften.

Über ihnen halten Jugendliche die argentinische Flagge hoch und feuert lautstark das Team auf dem Rasen an. "Wir kommen aus Südafrika, wohnen aber zusammen mit den Argentiniern in einer Schule", erklärt der südafrikanische Teamleiter Nick Mould aus Port Elizabeth lächelnd. Beide Teams sind schnell Freude geworden, trotz einiger Verständigungsprobleme.


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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 22. November 2018 15:34