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Ein Gottesdienst auf dem Corcovado

Unterwegs mit den Olympiaseelsorgern - auch in schwierigen Situationen

Mit einem stürmischen und verregneten Sonntag gehen die ersten Olympischen Sommerspiele auf südamerikanischem Boden zu Ende - Zeit und Gelegenheit ein persönliches Fazit meiner Teilnahme in Rio zu ziehen.

Wenn ich nach den besonderen Momenten während der letzten drei Wochen gefragt werde, kommen mir natürlich zuerst die ökumenischen Gottesdienste und Andachten in den Sinn. Da gab es zu Beginn der Spiele die Andacht auf dem Corcovado, auf dem die Christus-Statue steht. Für mich etwas ganz besonderes: Gemeinsam mit Mitgliedern des Präsidiums des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) feierten mein katholischer Olympiaseelsorger-Kollegen Rolf Faymonville und ich diese Andacht im Sockel der Christus-Statue. Die Initiatoren der Zusammenkunft, die Verantwortlichen von Adveniat, berichteten dabei auf der Busfahrt durch Rio über die Sozialprojekte der Aktion "Rio bewegt uns", die von einigen Athleten des deutschen Teams aktiv unterstützt wird. Wir als Seelsorger sprachen über Leistung und Nachhaltigkeit aus Sicht des christlichen Glaubens. "Das war mal eine ganz andere Art von Gottesdienst" - so die einhellige Meinung der Teilnehmenden.

Im Anschluss an die erste Wettkampfwoche standen unsere Gottesdienste im Athletendorf und im Deutschen Haus dann ganz im Zeichen des tragischen Verkehrsunfalls, bei dem kurz zuvor einer der deutschen Kanuslalomtrainer schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert worden war. In den Fürbitten haben wir an Stefan Henze gedacht, an seine Familie, die ihn in den letzten beiden Tagen im Krankenhaus an seiner Seite war, und an die Verantwortlichen des DOSB, die die Angehörigen in Rio begleiteten. Als dann am darauf folgenden Montag die Nachricht vom Tod des 35jährigen bekannt wurde, breitete sich ein dunkler Schatten über die gesamte Olympiamannschaft aus. Auch wir Seelsorger waren schockiert. Am letzten Wettkampftag der Kanuslalom-Athleten hatten wir nämlich draußen in Deodoro auf den Zuschauerrängen an der Wildwasserstrecke gesessen und mit dem deutschen Kanuslalom-Team mitgefiebert. Am Abend hatten wir im Deutschen Haus zusammen gesessen und uns verabschiedet, weil die Trainer am Tag darauf nach Hause fliegen wollten. Wenige Stunden später ereignete sich dann der schlimme Unfall. Beeindruckend die Gedenkfeier, die im Olympischen Dorf stattfand und an der 150 Mitglieder der Mannschaft sowie ausländische Gäste teilnahmen. Wir Olympiaseelsorger waren maßgeblich an der Gestaltung der Feier beteiligt und konnten stellvertretend für die gesamte Mannschaft unsere Trauer und tiefe Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Es waren ergreifende Momente, die in Erinnerung bleiben werden. In der Vergangenheit gab es freilich bei Olympischen Spielen immer wieder Todesfälle, aber bei anderen Nationen und damit mehr oder weniger weit weg. Aber dieses Mal war das deutsche Team unmittelbar betroffen. Und so mancher stellte dann auch nachdenklich fest: "Der Sport ist nur die eine Seite unseres Lebens. Aber es gibt Dinge, die wirklich wichtig sind - im Leben und im Sterben."

Über all diesen Ereignissen und Begegnungen erhob sich jeden Tag für uns die Christus-Statue. Sie erinnerte mich an die ausgebreiteten Arme Jesu, der seine Zuhörer einlädt und sagt: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch neue Kraft schenken" (Matthäus 11,28). Gott sitzt eben nicht als lauernder Wettkampfrichter am Spielfeldrand meines Lebens und notiert Punktabzug, wenn ich Fehler mache, sondern er schickte seinen Sohn Jesus Christus in diese Welt als Zeichen seiner unfassbaren Liebe zu uns Menschen. Und er versichert uns, dass uns nichts von seiner Liebe trennen kann, weder Hohes noch Tiefes, nichts im Tod und nichts im Leben (Römerbrief 8,39). Das ist tröstlich zu wissen, wenn sich nicht nur im Sport, sondern auch im alltäglichen Leben Siege und Niederlagen aneinanderreihen.

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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 22. November 2018 15:34