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Die andere Seite von Rio

Zu Besuch bei Sozialprojekten in den Favelas

"Um mundo nuvo" - "eine neue Welt", so lautete das offizielle Motto der Olympischen Spiele 2016. Wir Besucher der brasilianischen Sechs-Millionen-Metropole haben diese vermeintlich eine Welt aus den unterschiedlichsten Perspektiven erlebt.

Die stundenlangen Staus und die langen Warteschlangen ertragen die Einheimischen mit bewundernswerter Gelassenheit. Mit den Pfiffen gegen ausländische Gegner haben die Brasilianer dagegen sicherlich keinen Fairnesspreis verdient. Auf der einen Seite hat Rio uns als Gäste aus dem fernen Europa sicherlich mit seiner atemberaubenden Kulisse und seiner großen Gastfreundschaft in den zurückliegenden beiden Olympia-Wochen tief beeindruckt. Auf der anderen Seite scheinen dagegen Gewalt und Schießereien in einigen Stadtvierteln zum Alltag zu gehören.

In vielen Gesprächen mit Brasilianern, aber auch mit Deutschen, die hier leben und arbeiten, konnten wir einen Eindruck von der Stimmung in breiten Bevölkerungsschichten gewinnen. Wir erfuhren, dass das Land in einer tiefen Krise stecke und die öffentlichen Kassen leer seien. Riesige Mängel in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Chancengleichheit lähmen das Land. Und diese sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme waren auch für uns Olympiabesucher nicht zu übersehen und zu überhören.

Zu den eindrücklichsten Begegnungen zählen für mich die Besuche in zwei Favelas im Rahmen der Vorstellung der Aktion "Rio bewegt uns". Der Ausdruck "Favela" wird häufig als Bezeichnung für Elends- und Armenviertel verwendet. Dabei ist er zunächst nur der Name für eine emporwuchernde Pflanze. Darum verwenden viele Menschen für die Beschreibung der Stadtviertel eher das Wort "Comunidades", was "Gemeinschaften" bedeutet. Ein Besuch führte uns mit Jugendlichen des Deutschen Olympischen Jugendlagers nach Campinho. Dort haben wir ein Sozialzentrum für Kinder und Jugendliche besucht, in dem gemeinsames Sporttreiben den Heranwachsenden die Möglichkeit eines besser strukturierten Tagesablaufs bietet. Ein anderer Besuch mit einigen Sportlern des deutschen Teams führte uns in den Norden von Rio nach Lins, einem der gefährlichsten Viertel der Riesenstadt. Hier lernten wir die Fußballschule kennen. Ein gemeinsames kurzes Spiel durfte natürlich nicht fehlen und anschließend führte uns der Weg durch die engen und vermüllten Gassen hinauf zur einfachen Hütte einer neunköpfigen Familie, deren Jungs in der Fußballschule trainieren. Die Eltern erzählten uns im Gespräch viel über ihren Alltag und die momentane Perspektivlosigkeit.

Ob Olympia sie interessiere, wollten wir wissen? "Nicht sehr," lautete die ehrliche Antwort. Den Bewohnern der Favelas fehle dazu einfach die Zeit und das Geld. Zum einen weil viele die ganze Woche über für einen relativ geringen Lohn arbeiten müssten und dabei eben nicht mehr viel Zeit für weitere Aktivitäten bliebe und zum anderen, weil die Preise für Olympiatickets, die wir Europäer für relativ günstig hielten, für Einheimische schlichtweg unerschwinglich seien. Viel leben vom Mindestlohn - umgerechnet 250 Euro.

Es waren eindrückliche Begegnungen mit Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Hervorzuheben, dass zahlreiche Projektpartner und Hilfsorganisationen sich im Vorfeld der Spiele dafür eingesetzt hatten, dass Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten die Möglichkeiten erhalten sollten, die olympischen Wettbewerbe gratis und live mitzuerleben. Dieses Vorhaben war auch realisiert worden, so dass wir an zahlreichen Wettkampfstätten fröhlichen Kindergruppen aus Sozialprojekten begegneten. Dass Heranwachsende, die z.B. den 20 km entfernten Strand noch niemals zuvor in ihrem Leben gesehen hatten, für eine kurze Zeit eine andere Welt erleben durften, wird ihnen wahrscheinlich ein Leben lang unvergessen bleiben.

Wie gut und wichtig ist es darum, dass gerade kirchliche Organisationen sich im biblischen Sinn dafür einsetzen, dass Kinder und Jugendlich in ihrem bedrückenden Umfeld bessere Startbedingungen für ihren Lebensweg erhalten.

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Sils 2014

Der 49. Studienkurs des Arbeitskreises Kirche und Sport findet vom  23.02.2019 bis 02.03.2019 statt. Der Kurs hat das Thema "Gut - besser - perfekt? Fragen und Antworten zur (Selbst-)Optimierung"


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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 22. November 2018 15:34