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"Masse, Klasse, Kasse . zum Stellenwert von Großveranstaltungen in Kirche und Sport" - ein kurzer Bericht und ein persönliches Fazit

von Kirchenpräsident Dr. Dr. h. c. Volker Jung, Sportbeauftragter des Rates der EKD

Olympische Spiele, Paralympics, Welt- und Europameisterschaften sind sportliche Großveranstaltungen, die weltweit beachtet werden - nicht zuletzt deshalb, weil sie auch medial groß vermarktet werden. Sie üben auf sportbegeisterte Menschen und nicht nur auf sie eine große Faszination aus. Das Deutsche Turnfest und der Deutsche Evangelische Kirchentag, die im letzten Jahr direkt hintereinander in Berlin stattfanden, spielen sicher in einer anderen Liga. Sie zählen aber auch zu Großveranstaltungen. Und sie haben durchaus nicht wenige Fans.

 

Großveranstaltungen sind immer wieder umstritten. Olympia-Bewerbungen wurden in München und Hamburg in Bürgerentscheiden abgelehnt. Viele sind überzeugt: Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ertrag. Auch bei "kleineren" Großveranstaltungen wird nachgefragt. Ein Deutscher Kirchentag oder ein Deutsches Turnfest sind ohne Unterstützung der gastgebenden Kommunen und Länder bzw. des Bundes nicht möglich. Gleiches gilt für viele Veranstaltungen, die an die 100.000er Marke heranreichen.

 

Der diesjährige Studienkurs der EKD "Kirche und Sport" in der Woche vom 24. Februar bis zum 3. März in Sils Maria (Schweiz) hat sich dem Thema Großveranstaltungen in Kirche und Sport gewidmet. Niclas Stucke, ehemals Hauptreferent beim Deutschen Städtetag, hat über Großveranstaltungen aus kommunaler Sicht referiert. Seine Sicht, dass sich Großveranstaltungen für Kommunen ökonomisch nicht lohnen, wurde von Prof. Dr. Wolfgang Maennig, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg und Olympiasieger im Deutschland-Achter 1988, mit konkreten Zahlen bestätigt. Bianca Quardokus, Referentin beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), und Michaela Röhrbein, Generalsekretärin des Deutschen Turner-Bundes, haben aus Sicht der Sportverbände dargestellt, welche Rolle Nachhaltigkeit bei den Veranstaltungen mittlerweile spielt, welche organisatorischen Herausforderungen zu bewältigen sind und in welchen Effektivitätszwängen sich die Verbände sehen. Was den Kirchentag nach wie vor attraktiv macht, wie hier die organisatorischen Anforderungen sind und inwiefern der Kirchentag ein "Bildungsevent" ist - darüber haben Mario Zeißig, Referent Thematisches Programm Deutscher Evangelischer Kirchentag, und Dr. Richard Janus, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Didaktik der Ev. Religionslehre an der Universität Paderborn, geredet. Welche ethischen Fragen im Blick auf Großveranstaltungen zu stellen sind, hat der ehemalige Ratsvorsitzende, Dr. h. c. Nikolaus Schneider, Mitglied im Ethikbeirat des Deutschen Fußball-Bundes, zusammengefasst und reflektiert. Gemeinsam mit Eugen Eckert, Stadionpfarrer in der Commerzbank-Arena in Frankfurt und EKD-Referent für Kirche und Sport, habe ich über einige Kooperationsmöglichkeiten von Kirche und Sport bei Großveranstaltungen berichtet. Unterstützt und begleitet wurde der Studienkurs von der Akademie der Bruderhilfe, Pax und Familienfürsorge.

 

Der Studienkurs hat viele Facetten des Themas Großveranstaltungen aufgezeigt: Bedeutung für die jeweiligen Veranstalter und Veranstaltungsorte hinsichtlich Reputation und Motivation, Ökonomie, Ökologie, Sicherheitsfragen, ethische Grundsatzthemen und vieles mehr.

Mich persönlich hat folgende Perspektive besonders beschäftigt: Großveranstaltungen sind ausgesprochen wichtige gesellschaftliche Ereignisse. Wer nach dem Wert von Großveranstaltungen fragt, sollte nach ihrer gesellschaftlichen Bedeutung fragen. Dass sie identitätsstiftend sein können, macht sie natürlich auch anfällig für den politischen Missbrauch. In einem positiven Sinn können sie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen - auch in einer wirklich globalen Perspektive. Neben dem hohen emotionalen Erlebniswert können sie Orte der Verständigung über Humanität und gemeinsame Werte sein. Genau daraus leitet sich aber auch die besondere Verantwortung ab. Deshalb braucht es gerade bei Olympia / Paralympics und Welt- und Europameisterschaften Beteiligungsprozesse vor Bewerbungen, transparente Vergabeverfahren, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit sowie den Willen zum fairen Sport bei allen Beteiligten. All das kann und darf sich nicht nur auf die Projektplanung beziehen, sondern braucht auch Verfahren des Monitorings und gegebenenfalls auch der Sanktionierung.

 

Auch für die "kleineren" Großveranstaltungen ist eine ähnliche Perspektive nötig. Veranstaltungen wie der Kirchentag und das Turnfest sind Lernorte in der Gesellschaft. Sie dürfen nicht binnenorientiert sein. Ihr Wert bemisst sich daran, wie offen und ausstrahlungsstark sie in die Gesellschaft hinein sind. Das macht sie förderungswürdig. Und es verpflichtet zugleich zur verantwortlichen Gestaltung. Für die Kooperation von Kirche und Sport sind gerade die Großveranstaltungen eine ausgezeichnete Kontaktfläche - nicht nur in gegenseitiger Beteiligung, sondern auch im Diskurs über die gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung.

 

 

 

Studienkurs 2019
Sils 2014

Der 49. Studienkurs des Arbeitskreises Kirche und Sport findet vom  23.02.2019 bis 02.03.2019 statt. Das Thema wird in Kürze bekannt gegeben.


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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 6. September 2018 14:27