zurück

Rio 2016: Eine neue Welt!?

Paralympics im strömenden Regen zu Ende gegangen

Vom 7. bis 18. September trafen sich 4.500 Sportler aus der ganzen Welt in Rio de Janeiro zu den Sportspielen der Menschen mit Behinderung. Im Vorfeld wurde viel über die Sicherheit des Landes diskutiert. Die Frage, ob die Spiele überhaupt standen finden können, stand im Raum. Das Motto der Paralympics lautete "Eine neue Welt". Eindrücke und persönliche Erfahrungen zum Abschluss der Spiele übermittelt Pastor Christian Bode aus Rio, der die deutsche paralympische Familie als Seelsorger in den zurückliegenden 14 Tagen begleitet hat.

Die erstmalige Vergabe der olympischen und paralympischen Spiele nach Südamerika war verbunden mit Hoffnungen auf einen Imagegewinn für den Kontinent, einen Aufschwung für die Wirtschaft, für die Menschen und ihre Kultur. Das war vor gut 10 Jahren, der Zuschlag für Rio de Janeiro löste eine breite Welle der Begeisterung aus.

Nun, im Jahr 2016 steht Brasilien vor großen Herausforderungen. Die Staatskassen sind leer, die Wirtschaft ist am Boden, die politische Situation undurchsichtig, Massenarbeitslosigkeit und Korruptionsvorfälle machen das Volk wütend. Der Durchschnittsverdienst in Rio de Janeiro liegt bei noch nicht einmal 100 Euro pro Monat. Ich habe Paula kennengelernt, 34 Jahre, aus Sao Paulo, gerade von einem mittelständischen Unternehmen entlassen. Für die Zeit der Paralympics arbeitet sie in einer Strandbar, ab heute ist ihre Zukunft ungewiss: "Ich habe schon viel geweint, habe Angst, weiß nicht, ob ich in diesem Land noch Leben will!"

Sportlich scheint das Land voll auf den Fußball konzentriert zu sein, andere Sportarten haben kaum eine Bedeutung. Die Zuschauerränge bei Olympia leer, dazu die Negativpresse zum Verhalten der brasilianischen Fans gegenüber den Sportlern anderer Nationen. Alles zusammen schien kein optimaler Rahmen für die Durchführung der Paralympics zu sein, Athleten und Funktionäre reisten mit Sorgen an. Schon nach wenigen Tagen stand fest: Es ist alles deutlich besser als erwartet! Das deutsche Team war sehr zufrieden mit der Unterkunft im Athletendorf, alle wurden satt in der großen Mensa, dem Zelt der Begegnung von Kulturen und Religionen. "Wir dürfen nicht vergessen, in welchem Kontext wir uns bewegen, dürfen schon gar nicht unseren europäischen Standard als Maßstab nehmen", kommentierte eine Sportlerin in den ersten Tagen. Ein Bundestrainer ergänzte: "Was sind schon wackelnde Toilettendeckel gegenüber der Armut der Bevölkerung, die uns auf der Fahrt zu Trainings- und Wettkampfstätte ins Auges springt!".

Goalballer, Kugelstoßerin Birgit Kober und das Tischtennisteam wagten auch noch den Blick über den Tellerrand hinaus, besuchten Projekte der Aktion von "Rio bewegt uns". Die einen spielten mit Kindern eines Straßenbusprojektes Tischtennis, trommelten und tanzten mit ihnen, die anderen besuchten eine Kindertagesstätte in einer Favela. Eine Gruppe fuhr mit mir zusammen in ein Heim für Waisenkinder in der Peripherie von Rio de Janeiro, zu Menschen, die sonst keiner besucht, die sich selbst als die "vergessenen Kinder der Stadt" bezeichnen. Dieses Bewusstsein zeichnet Sportpersönlichkeiten jenseits der Wettkämpfe um Gold, Silber und Bronze aus. Die Menschen, die sich mit Sicherheit keine Eintrittskarte leisten konnten, wurden so doch für ein oder zwei Stunden Teil dieser Paralympics und zehren noch lange von diesen Begegnungen.

Die Wettkampfstätten füllten sich von Tag zu Tag, am letzten Wochenende war es fast überall ausverkauft. Die Stimmung war klasse, diese Paralympics wurden zu den Spielen des Volkes, die ausgelassen feierten, selbstverständlich besonders die Leistungen der eigenen Landsleute. Und noch mehr: Besonders die Leistungen der Menschen mit größten Einschränkungen, ob in der Schwimmhalle oder im Leichtathletik-Stadion wurden mit motivierendem Applaus bis zum Zieleinlauf gewürdigt. Im olympischen Park wurden mit großer Freude die paralympischen Sportarten präsentiert und ausprobiert, eine neue Sporterfahrung für viele. Mein persönlicher Gesamteindruck: Menschen mit Behinderung spielen in Brasilien zwar nur am Rande eine Rolle, das Land ist alles andere als barrierefrei, die Berichterstattung über die Paralympics in den brasilianischen Medien ließ sehr zu wünschen übrig - leider. Meine Hoffnung: Jeder Einzelne der mehr als 2 Millionen Zuschauer wird auch über die Paralympics ein Botschafter oder eine Botschafterin für den Sport der Menschen mit besonderen Grenzen sein. Die Veränderung im Umgang mit Menschen mit Behinderungen beginnt im Kopf des Einzelnen. Dazu haben auch diese Paralympics einen Beitrag geleistet.

Die deutsche Mannschaft tritt mit einem zufriedenstellenden Gesamtergebnis und 57 Medaillen im Gepäck am heutigen Dienstag die Rückreise an. Im Deutschen Haus Paralympics wurden die Medaillengewinner mit "Medalwalk" gefeiert, aber auch alle anderen Leistungen mehr als gewürdigt. "Wer hier dabei war, ist schon ein Gewinner", so der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes. Ich selbst habe mit vielen Sportlern Kontakt gehabt. Von der kurzen Begegnung bis zum intensiven Gespräch, mein katholischer Kollege und ich waren mittendrin. Die beiden Gottesdienste waren gut besucht und boten einen Moment der Ruhe, Zeit zum Auftanken für Körper und Seele. Die morgendliche RIO-SMS wurde kurzfristig zusätzlich auch zur RIO-Whats-App. So hatten auch einige Holzmindener und die Redaktion die Gelegenheit, durch unseren kirchlichen Service Teil dieser Spiele zu sein.

"Eine neue Welt" - so lautete das Motto der Paralympics. Plakate und Stellwände mit diesem Motto überall. Schwierige Worte bei allen Herausforderungen, die das Land zukünftig zu bewältigen hat. Mein katholischer Kollege fährt heute zurück nach Sao Paulo zu seiner Gemeinde. Ich treffe ihn in gut zwei Wochen noch einmal dort und bin gespannt, was er dann schon zu berichten hat. Scheinbar weiß keiner in diesem Land, wie es jetzt weitergeht, wie die neue Welt aussehen soll. Es war eine gute ökumenische Zusammenarbeit, Padre Georg Pettinger als Experte für Land, Kultur und Leute, ich als Auskenner im Behindertensport. Gemeinsam waren wir unterwegs als "Seelsorger im Stand-by-Modus".

Die Schlussfeier am gestrigen Abend konnte leider nicht so überzeugen wie die Eröffnung am Nationalfeiertag vor gut zwei Wochen. Viel laute Musik, von Samba bis Punk, eine Facette brasilianischer Kultur, doch der Funke sprang erst gegen Ende über. Da waren leider die meisten der Athletinnen und Athleten schon wieder in den Katakomben des Stadions, denn heftiger Wind und heftiger Regen standen der Feier auf dem Spielfeld im Wege. Für mich stehen ab heute vertiefende Einblicke in Kultur und Natur, hoffentlich auch trotz der Sprachbarrieren auch in das Leben der Menschen im Inland und am Küstenstreifen zwischen Sao Paulo und Rio de Janeiro auf dem Programm.

Christian Bode

Paralympics in Rio gehen zu Ende
Studienkurs 2019
Sils 2014

Der 49. Studienkurs des Arbeitskreises Kirche und Sport findet vom  23.02.2019 bis 02.03.2019 statt. Der Kurs hat das Thema "Gut - besser - perfekt? Fragen und Antworten zur (Selbst-)Optimierung"


Copyright2018 Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)
Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 22. November 2018 15:34