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"Kahn-Kritik ist unmenschlich"

Fußballpfarrer Eckert über die "Hand Gottes", Foulspiele und homosexuelle Spieler

Er geißelt Oliver Kahn für dessen unmenschliche Kritik an Loris Karius und rät homosexuellen Spielern, sich erst nach der Karriere zu outen. Warum? Das verrät Fußball- und Stadionpfarrer Eugen Eckert in diesem Interview.

Von Stefan Alberti

Herr Eckert, ich gehe mal davon aus, dass Sie als Fußballpfarrer auch tatsächlich mitreden können, wenn es um Fußball geht.

Aber sicher. Ich habe beim FSV Frankfurt gespielt - als gefürchteter Linksaußen. Bis zur A-Jugend, dann habe ich mich auf die Schule konzentriert.

Eine Profi-Laufbahn kam nicht infrage?

Dazu war ich nicht gut genug. Ich habe das selbstkri- tisch früh erkannt. (lächelt)

Ich habe vor einiger Zeit in einem Artikel den Fußballgott erwähnt - und habe danach bitterböse Mails mit dem Hinweis bekommen, dass es den Fußballgott nicht gebe.

Radioreporter Herbert Zimmermann hat schon 1954 Toni Turek zum Fußballgott erhoben - und danach auch bitterböse Reaktionen erhalten. Die Kirchen haben verlangt, dass er sich entschuldigt. Und Zimmermann hat sich entschuldigt. So war es damals.

Und heute?

Ich kann es nachvollziehen, wenn Menschen einen großartigen Spieler aus Bewunderung in höchste Sphären heben wollen. Sozusagen in den Tempel der Götter.

Also hat die Kirche heute eher kein Problem mehr mit dem Wort Fußballgott?

Ich finde es heiter. Aber es gibt Christen, die damit Probleme haben. Es gibt ja das Gebot, dass du den Namen des Herrn, deines Gottes nicht missbrauchen sollst. Die erwähnten Christen empfinden die Bezeichnung Fußballgott als Missbrauch. Ich sehe es mehr als ein Spiel.

Und wenn Maradona die "Hand Gottes" benutzt oder ein Spiel auf heiligem Rasen stattfindet, finden Sie das auch in Ordnung?

Maradonas "Hand Gottes" war eindeutig Betrug. Meistens aber lese ich heraus, dass die Menschen,  die solche  Begrifflichkeiten verwenden, eine religiöse Sehnsucht haben.

Diese Art von religiöser Sehnsucht wird  aber oft von eher kirchenfernen Menschen geäußert, oder?

Genau. Für diejenigen entwickelt sich  allerdings oft ein Aha-Effekt, weil Lieder, die im Stadion angestimmt  werden, schon längst in der Kirche präsent sind. Beispiel: Das Lied "Und wir holen den Pokal, Halleluja" ist ja "Michael row the boat ashore" - ein Gospelsong. Über solche Parallelen kommen wir an Menschen heran, die wir sonst eher nicht erreichen. Im vergangenen Jahr hatte ich in meiner Stadionkapelle in Frankfurt 21 Taufen, unter denen waren sechs Erwachsene.

In wenigen Tagen beginnt die Fußball-WM. Eine Zeit, in der in vielen Gotteshäusern bestimmt wieder viele Kerzen für das deutsche Team oder andere Ländervertretungen angezündet werden. Was halten Sie davon?

Wenn es um Kerzen oder Gebete für den Sieg geht, sehe ich das durchaus kritisch. Wissen Sie, ich hatte mal ein Gespräch mit Sebastian Kehl, der mir sagte: "Wenn ich in meiner Kabine für den Sieg beten würde, wüsste ich doch, dass es in der anderen Kabine auch jemand macht. Wie sollte sich Gott dann entscheiden?" Also: Beim Kerzenanzünden oder Beten vor einem Fußballspiel kann es nur darum gehen, dass es ein schönes und spannendes Spiel wird - und man letzt- lich auch eine Niederlage akzeptieren kann.

Auf den Fußballplätzen dieser Welt können wir im- mer mehr Spieler beobachten, die sich in verschiedensten Situationen bekreuzigen.

Ich halte das für glaubwürdig. Das sind gläubige Spieler. Ein Jérôme Boateng zum Beispiel hat sogar religiöse Symbolik tätowiert. Gläubige Spieler sehen ihr fußballerisches Talent als Geschenk Gottes.

Was kann der Fußball von der Kirche lernen?

Speziell die Frage des Umgangs mit Foulspiel. In der Kirche ist die Sünde gleichbedeutend mit dem Foulspiel. Ich beobachte häufiger Spieler, die ihren Berufskollegen dermaßen in die Knie fahren - und anschließend so tun, als sei nichts gewesen. Hier würde ich mir eine andere Haltung wünschen. Dass der Spieler zu seinem Kollegen geht und sich  entschuldigt. In der Kirche kennen wir diese Haltung als die "goldene Regel" Jesu: Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

Welche Parallelen zwischen Fußball und Kirche gibt es sonst noch?

Die Frage der begrenzten Zeit. Beim Fußball gibt es einen Anpfiff und einen Abpfiff. Der Mensch wird geboren und wird sterben. In beiden Bereichen müssen wir mit einer begrenzten Zeit umgehen. Nur Talent reicht nicht aus - im Fußball und im Leben nicht. Man muss etwas investieren.

Was ist für Sie als Fußball- pfarrer das größte Geschenk?

Ich würde aus meinem Herzen eine Mördergrube machen, wenn ich nicht die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien erwähnen würde. Das 7:1 der deutschen Mannschaft war etwas Unfassbares. Damit konnte niemand rechnen. In der Bundesliga freue ich mich, wenn der kleine dem großen Verein ein Bein stellt. Wenn ein Club wie der SC Freiburg mit seinen begrenzten Mitteln den Klassenerhalt schafft.

Zurück zur aktuellen WM. Schauen Sie sich nur die Spiele im Fernsehen an, oder sind Sie auch kirchlich gefordert?

Wir planen in Frankfurt einen ökumenischen Gottesdienst vor dem Spiel Deutschland gegen Schweden. Dazu laden wir auch Menschen aus der schwedischen Gemeinde ein. Und gerade zu diesem Spiel haben wir auch eine wunderbare Parallele zwischen Kirche und Fußball. Denken Sie an das letzte Länderspiel zwischen Deutschland und Schweden. Die Deutschen führten bereits 4:0, am Ende stand es 4:4. Also: Wenn man denkt, man hat zur Hälfte der Zeit schon alles erreicht, dann kann ich mich sehr täuschen. In unserem Gottesdienst geht es zum Beispiel auch um den Fußballgott Zlatan Ibrahimovic. Wir zeigen sein sensationelles Fallrückzieher-Tor gegen England, aber auch die Grenzen dieses Fußballgotts. Ibrahimovic ist ja auch ein Egomane.

Haben Sie weitere Beispiele dieser Art?

Wie Oliver Kahn nach dem Champions-League-Finale zwischen Madrid und Liverpool den Loris Karius für dessen Patzer kritisiert hat, geht das meines Erachtens überhaupt nicht. Einer, dem selbst in einem WM-Finale der Ball durch die Hände geglitten ist, kann überhaupt nicht so ein hartes Urteil fällen. Das fand ich unmöglich und unmenschlich.

In welchem Umfang suchen Spieler Ihren seelsorgerischen Rat?

Bei Eintracht Frankfurt ste- hen jetzt nicht die Spieler bei mir Schlange. Es sind eher die Fans - und natürlich die Angestellten im Stadion. Wir haben dort rund 400 Mitarbeiter, das ist ein kleines Dorf. Fußballer suchen mich dann auf, wenn irgendetwas Schlimmes passiert ist. So versammelte sich zum Beispiel nach dem Suizid eines Mitarbeiters anschließend die gesamte Eintracht-Mannschaft in der Stadionkapelle. Vor meiner Zeit bei der Eintracht hatte ich es auch mit homosexuellen Spielern zu tun. Ein weiterhin tabuisiertes Thema. Ich habe mit den Profis darüber gesprochen - und ihnen den Rat gegeben, sich frühestens nach der Karriere zu outen, wenn sie nicht riskieren wollen, von den Zuschauern gedemütigt zu werden. Unsere Gesellschaft ist so brutal, dass sie immer dort draufhaut, wo sie Schwächen ausmacht.

Gibt es für Sie als Kirchenmann  "No-go-Bereiche"?

Wenn ein Mensch in einem Gräberfeld bei Schalke 04 oder beim Hamburger SV beerdigt werden möchte, habe ich keine Einwände. Solange ich als Pfarrer meiner hessischen Kirche im Umfeld der Eintracht arbeite, wird es so etwas in Frankfurt nicht geben. Wissen Sie, wir werden nackt geboren, und wir sterben nackt. Jede Form von elitärem Umgang mit dem Tod kann ich nicht teilen. Wenn es um Tod und Sterben geht, beschäftige ich mich einerseits mit der Hoffnung auf Auferstehung, andererseits mit der Seelsorge an den Menschen, die nach einem Verlust weiterleben müssen.

Lassen Sie uns abschließend noch über die bevorstehende WM in Russland sprechen. Ihre Wünsche aus kirchlicher Sicht?

Ich bin auch ein politischer Pastor. Wenn man schon eine solche Veranstaltung an Orte vergibt, wo Autokraten herrschen, dann darf sich der Fußball nicht unpolitisch geben. Der Fußball war auch nie unpolitisch. Ich wünsche mir, dass die Funktionäre und Medienvertreter den Mumm haben, an den richtigen Stellen den Finger in die Wunden zu legen. Ansonsten ist die WM für mich persönlich zu aufgebläht. Ich selbst möchte mein eigenes Leben gar nicht so lange vom Fußball dominieren lassen. Die WM greift ganz massiv in das Familienleben ein. Diese Zeit würde ich mir viel kürzer wünschen.
 



Eugen Eckert

wird am 28. Februar 1954 in Frankfurt am Main geboren. Nach dem Studium der evangelischen Theologie, pädagogischen Psychologie und Slawistik arbeitet er als Vikar in der Frankfurter Dreifaltigkeitsgemeinde (1987 bis 1989), als Pfarrer in der Offenbacher Lauterborngemeinde (1990 bis 1995) sowie als Studentenpfarrer an der Goehte-Universität in Frankfurt/Main (1996 bis 2016). Seit dem 1. Januar 2017 ist der Theologe mit halber Stelle als Referent der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für "Kirche und Sport" tätig - sowie mit halber Stelle als Stadionpfarrer in der Commerzbank-Arena in Frankfurt/Main. Dazu ist er auch Fair-Play-Botschafter des Hessischen Fußball-Verbands. Eckert ist daneben Texter und Musiker der Frankfurter Band Habakuk sowie Autor verschiedener Publikationen - zum Beispiel des Buches "Der Heilige Geist ist keine Schwalbe: Gott, Fußball und andere wichtige Dinge".

Studienkurs 2019
Sils 2014

Der 49. Studienkurs des Arbeitskreises Kirche und Sport findet vom  23.02.2019 bis 02.03.2019 statt. Das Thema wird in Kürze bekannt gegeben.


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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 6. September 2018 14:27