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"Wo harte Kerle weich werden": die Kapelle im Berliner Olympiastadion

Annäherungen an einen besonderen Kirchenraum

Von Bernhard Felmberg/Matthias Röhm

Am Samstag, den 30. Mai 2009, spielte im Berliner Olympiastadion Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen im DFB-Pokalfinale. Die "Bild" berichtete, wie auch andere Zeitungen und Magazine, in ihrem Sportteil im Vorfeld dieses Spieles ausführlich. Spieler wurden vorgestellt, die Mannschaften verglichen. Da die religiöse Einstellung der Profis seit einigen Jahren immer stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, wurde auch nach der Lebenseinstellung der Spieler gefragt. Sie berichten immer häufiger, woher sie die Kraft für ihr Leben und ihre Einstellung zum Sport bekommen. So auch vor diesem Finalspiel.

Der Spieler Renato Augusto von Bayer Leverkusen erzählte davon, wann und wie er betet, und dass er vor dem Finalspiel auf jeden Fall die Kapelle im Berliner Olympiastadion aufsuchen werde, um dort zu beten. Bilder und erklärende Sätze zur Kapelle begleiten diesen Artikel. Der Leser erfährt, dass diese Kapelle im Zentrum des Stadions in der Nähe des Spielfeldes zu finden ist, dass die Spieler vor und nach jedem Spiel an der Kapelle vorbeikommen und jederzeit hineingehen können. Inzwischen finden dort auch Taufen, Trauungen und Trauerfeiern statt; auch darüber berichten die Medien.

Nach der Errichtung der Kapelle "auf Schalke" im Jahr 2001 war die Kapelle im Olympiastadion deutschlandweit die zweite. Der Anlass war die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006, der Grund aber lag in der geschilderten Veränderung der "religiösen Großwetterlage" im Profifußball und im gesamten Spitzensport. Außerdem war es natürlich Ziel, die Kirche an einen Ort zu bringen, an dem sie nicht erwartet wird, und der für viele tausend Menschen ein wichtiger Anlaufpunkt in ihrem Leben darstellt.

Das Berliner Olympiastadion ist mehr als eine Fußballarena. In ihm finden viele Sport- und Kulturveranstaltungen statt, so dass die Präsenz der Kirche in vielerlei Hinsicht ihren Sinn hat. So ist die Kapelle während der Leichtathletikweltmeisterschaft im August 2009 einer der geistlichen Anlaufpunkte neben den "Oasis of silence" in den jeweiligen Sportlerhotels.

Was sucht nun jemand, der im Stadion seinem Beruf nachgeht, zum Beispiel an einem Bundesligaheimspieltag in einer christlichen Kapelle? Was muss der Ort leisten? Was muss er bieten?

Diese Fragen standen natürlich am Anfang im Mittelpunkt der Überlegungen, als darüber entschieden wurde, welches architektonische Konzept bei der Errichtung der Kapelle verfolgt werden sollte. Eines war deutlich: Die Heterotopie des Ortes musste für jeden sofort erkennbar sein. "Innen ist eine andere Wirklichkeit als Außen. Innen bedeutet, dass die Dinge zu uns gehören und organisiert sind. Die Dinge sind darin aufgeschlossen und sind mit uns verbunden. Dadurch befindet sich der Raum im Zustand eines virulenten Austausches. Wir sind darin empfindlich und störanfällig, aber auch reagibler. Das Innen hat die Wirkung der Verarbeitung, Regeneration und der Wiederherstellung der persönlichen Identität."

Insofern war das Anliegen der "Väter" der Kapelle, einen Ort zu schaffen, der das Gegenteil von dem darstellte, was im Stadion sonst zu finden ist. Gegen die laute und tobende Atmosphäre einer Arena sollte ein Ort geschaffen werden, der seiner Nutzung entsprechend eine adäquate Präsenz hat, dessen Atmosphäre die Besucher inne halten und still werden lässt, der in unmittelbarer Nähe zum Raum der Massenveranstaltungen Rückzug, Alleinsein und Besinnung ermöglicht, der ein erhabenes Moment birgt, obwohl er klein ist, dem es gelingt, trotz seiner Begrenztheit eine Weite zu schaffen und der durch den Zusammenklang von Materialien und Licht eine Atmosphäre der Geborgenheit hat..

Dies ist gelungen: Der Raum für die Kapelle wird durch die mit Blattgold belegte Wand über ovalem Grundriss gebildet. Sie ist paraventartig in den bestehenden, rechteckigen Raum eingestellt und mit einer Schattenfuge gegen Boden und Decke abgesetzt, als würde sie schweben. Den Abschluss des Raumes nach oben bildet eine flache Kuppel, die mit etwas Abstand in das durch die Wand gebildete Raumoval eingehängt ist. Alle Raum bildenden Elemente sind so angelegt, dass sie wie auf eine aus dem Innern des Raumes heraus wirkende Kraft zu reagieren scheinen und sich nach außen wölben. In den Goldgrund der Wand ist ein Textfries von 1,25 m Höhe eingelassen, der mit Versen aus dem Alten und Neuen Testament versehen ist, die in 17 verschiedene Sprachen übersetzt sind. An zentraler Stelle im Raum erscheint ein Bereich hinter dem Altar als Aussparung in der Textur des Frieses das Kreuz, als gleichschenkliges, griechisches Kreuz. Die Dignität dieser Kapelle ist selbst im Ensemble der besonderen Räume dieses fünf-Sterne-Stadions herausragend. Zwei internationale Designawards wurden gewonnen, die die besondere Kommunikationsleistung neben der Ästhetik besonders würdigten.

Dies hat seine Wirkung auf das gottesdienstliche und kasuale Handeln in dieser Kapelle. Vor jedem Heimspiel von Hertha BSC finden Andachten statt, die sich sowohl an den "normalen" Fan richten, als auch vom Vorstand und dem Präsidium wahrgenommen werden. Es ist in der Bundesliga einmalig, dass im Zusammenwirken mit dem gastgebenden Verein dafür gesorgt wird, dass ohne Rücksicht auf die Kategorien der Eintrittskarten ein Besuch der Kapelle zur Andacht ermöglicht wird. Regelmäßig kommen so rund 50 bis 80 Gottesdienstbesucher zusammen. Die Predigten sind "sportbetont", die Situation der Gemeinde wird genau wahrgenommen.

Die Kapelle ist das geistliche Zentrum der Bundesligaspieler von Hertha BSC. In unregelmäßigen Abständen finden mit den Spielern und dem Trainerstab Andachten statt. Die Spieler nehmen auch nach den Heimspielen die Kapelle als Ort des Gebetes wahr, um das Erlebte vor Gott zu bringen. Emotionale Entlastung findet statt. Sie wird dankbar angenommen.

Neben diesen pastoralen Aufgaben finden regelmäßig Taufen, Trauungen und Trauerfeiern in der Kapelle statt. Getauft werden Kinder von Fans wie von sportlich Interessierten, vor allem aber werden Erwachsenentaufen durchgeführt. Die Menschen nehmen die Kirche im Zusammenhang des Stadions in ihrem Lebensraum wahr. Sie wenden sich ihr zu. Das gilt auch für solche, die vor Jahren der Kirche den Rücken gekehrt haben. Wiedereintritte sind regelmäßig zu verzeichnen. Am 20. Juni dieses Jahres wurden die ersten drei Nachwuchsspieler von Hertha BSC nach einem Jahr Konfirmandenunterricht im Hertha-Internat in der Kapelle konfirmiert. Ohne dieses spezielle Konfirmandenangebot wäre den Nachwuchsspielern durch die intensiven täglichen Trainingseinheiten ein Besuch eines Konfirmandenunterrichts nicht möglich gewesen.

Die Kapelle im Berliner Olympiastadion wirkt missionarisch in die Welt des Sports, beschränkt sich aber bei weitem nicht auf sie. Schon seit drei Jahren wird die Kapelle vom Amt für kirchliche Dienste der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz religionspädagogisch erschlossen. Lehrer wie auch Schülerinnen und Schüler erkunden und erleben unter sachkundiger Anleitung die Kapelle im Olympiastadion wie den Olympiapark.

Die Gestaltung der Kapelle polarisiert. Die Schülerinnen und Schüler, die sich den Raum anschauen, reagieren oft entweder euphorisch zustimmend oder aber stark ablehnend. Diese extremen Reaktionen stellen eine kirchenraumpädagogische Herausforderung dar, die auf vielfache Weise bewältigt werden kann. Besonders deutlich wird dies, wenn die Jugendlichen nach den ersten Gefühlen oder Eindrücken im Kirchraum gefragt werden. "Warm", "geborgen", "leicht" - so fühlen sich viele. Andere dagegen empfinden das Ambiente als "protzig", kommen sich "eingesperrt" und "beengt" vor. Diese Äußerungen beziehen sich auf die Formgebung, Farbgestaltung und Ausstattung der Kapelle. So sehen Einige das in der Kapelle nachempfundene Rund des Stadions als ein "bergendes, lebensspendendes Ei", andere sehen darin eine "düstere sarkophagartige Gruft".

Spannend ist zu beobachten, wie die jungen Besucherinnen und Besucher miteinander ins Gespräch kommen, sich austauschen, die verschiedenen Elemente der Kapelle wie die Bibelworte in den verschiedenen Sprachen, das Kreuz, das Taufbecken etc. einbeziehend ihre je eigene Theologie darlegen und weiter entwickeln. Ausgelöst durch die starken, herausfordernden Impulse der Kapelle entstehen wertvolle Augenblicke des "Theologisierens" mit Jugendlichen.

Die Kapelle als Kirchenraum lädt zu einer intensiven Auseinandersetzung ein. Mehr als andere Kirchenräume ist sie jedoch auch eingebunden in den Bedeutungsgehalt ihrer räumlichen und zeitlichen Umgebung, in das, wofür das Stadion und das Olympiagelände in Geschichte und Gegenwart standen und stehen. Der gesamte Komplex ist religiös aufgeladen, das Olympiagelände könnte bezeichnet werden als ein Ort von drei verschiedenen Formen von "Gottesdiensten":

  1. Die Architektur und Symbolik des Geländes mit dem Zielpunkt des Glockenturms und der Langemarckhalle verweisen auf die des Nationalsozialismus'.
  2. Rituale der Fankultur und Formen des "Fußballkults" weisen Parallelen zu Elementen des christlichen Gottesdienstes auf.
  3. Die Kapelle im Olympiastadion ist Ort christlicher Gottesdienste und zugleich in ihrer Architektur und Symbolik ein Kontrapunkt zur Ideologie des Nationalsozialismus'.

(Daraus ergibt sich eine große Bandbreite an Erschließungsmöglichkeiten und Schwerpunkten, die sich auch kombinieren lassen.) Eine pädagogische Annäherung an die Kapelle kann diese kaum losgelöst von ihrer Umgebung betrachten. Je nachdem, welcher Ansatzpunkt für die Betrachtung gewählt wird, leuchtet eine andere Facette der Kapelle auf. Jugendliche kommen meist mit einer bestimmten Fragestellung, mit einem bestimmten Erkenntnisinteresse in die Kapelle, und nehmen den Kirchenraum dann durch diese "Brille" wahr. Sport und insbesondere Fußball spielen dabei oft eine wichtige Rolle. Die Kapelle fördert die Auseinandersetzung mit dem Leistungsgedanken, der dem Sport, besonders dem Spitzensport, aber auch dem Alltag der Jugendlichen innewohnt.

Dahinein spricht das Bibelwort, das an der Außenwand der Kapelle, quasi als ein "Programm" für die Kapelle und das ganze Stadion steht. "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" (Matthäus 16,26). Wie weit gehe ich, um Erfolg zu haben, welche Mittel setze ich ein, wie gehe ich mit meinen Mitspielern, wie mit meinem eigenen Körper um? Diese Leitfragen verbinden die Welt des Sports mit den alltäglichen Lebensbereichen der Jugendlichen. Und im Kapelleninneren nehmen die Bibelworte an der Textwand das Thema nochmal auf und setzen es in einen neuen Kontext, wobei das Gold als Anspielung auf die Goldmedaillen einen neuen Bedeutungszusammenhang erhält.

Über die Vorbildfunktion von Sportlern bzw. ihre Religiosität erschließen sich weitere Dimensionen der Kapelle. Das gilt auch für die Auseinandersetzung mit den Ritualen der Fankultur und des Fußballkultes mit seinen ausgeprägten religiösen Elementen, mit seinen Gebeten und Gesängen und mit seinen gottesdienstlichen Anklängen. Werbung für Pay-TV-Sender nimmt das auf und spricht:"...für alle, die Samstags in den Gottesdienst gehen...". Spannend ist hier auch eine Einbindung des ersten christlichen Fanclubs von Hertha BSC "Totale Offensive", dessen Mitglieder regelmäßig die ökumenischen Gottesdienste in der Kapelle vor den Heimspielen besuchen, und die sich bewusst von der Masse der anderen Fanclubs abheben wollen.

Eine besondere kirchenraumpädagogische Herausforderung liegt aber in der Auseinandersetzung mit der Geschichte und der ursprünglichen Bedeutung des Olympiageländes der Spiele von 1936, das in Architektur und Symbolik tief durchdrungen ist von nationalsozialistischer Ideologie, und dem eine dem Sport weit übergeordnete Funktion innewohnt. Das gesamte Gelände ist geprägt von kriegerischen Attributen. Sport wurde damals als Vorbereitung auf den Krieg verstanden. Diesem Ziel ist die Konzeption, Gestaltung und Symbolik des Areals unterworfen.

Das Stadion liegt an der Ost-West-Achse durch Berlin, leicht versetzt zur Heerstraße. Es ist geprägt durch enorme Aufmarschflächen (Olympischer Platz, Maifeld) und besitzt seinen Zielpunkt im Westen im Glockenturm, der früher im Volksmund auch "Führerturm" genannt wurde. Um das Stadion herum sind sechs Türme angelegt, die germanische Volksstämme repräsentieren ("Preußen", Bayern, Schwaben, Franken, Friesen, Sachsen). Kriegerische Symbolik findet sich u.a. in der Skulptur "Die Staffelläufer" von Karl Albiker: Die Figur hält den Staffelstab wie eine Handgranate. Am deutlichsten aber wird die Verbindung zum Krieg in der Langemarckhalle direkt unter dem Glockenturm. Die Halle erinnert an den "Heldentod" junger Kriegsfreiwilliger im November 1914 in der Nähe von Langemarck in Belgien. Die Geschichte wurde nach dem Krieg als Mythos entlarvt, war aber 1936 fest im Bewusstsein der Menschen verankert. Heldentum, Opfermut, Tod fürs Vaterland - diese Begriffe sollten mit dem Sport, den olympischen Spielen, verbunden werden, um eine gesamte Generation zu verführen.

Betraten die Zuschauer durch den Haupteingang am Osttor das Stadion, bewegten sie sich auf der Ost-West-Achse, war der Zielpunkt des Blickes der Glockenturm und damit die Langemarckhalle, der "Führerturm" fest gegründet auf der "Heldenhalle". Dort hat Adolf Hitler unmittelbar vor der Eröffnung der Spiele gemeinsam mit dem Reichskriegsminister der toten "Helden von Langemarck" gedacht.

Vier Etagen unter der Loge, auf der Hitler damals die Olympischen Spiele eröffnete, befindet sich heute die Kapelle im Olympiastadion als Kontrapunkt zur Ideologie des Nationalsozialismus'. Das Kreuz an der Wand befindet sich genau auf der Verlängerung der Mittellinie im Stadion, also nicht klassisch nach Osten ausgerichtet, sondern nach Süden, und bildet so eine Nord-Süd-AchseDie Ost-West-Achse, die für das lebensvernichtende und menschenverachtende Wirken Hitlers steht, wird so durchkreuzt von dem lebensschenkenden und den Schwachen annehmenden Wirken Gottes in dieser Welt.

Das ist ein Ausgangspunkt für eine Vielzahl von kreativen Möglichkeiten, diesen besonderen Kirchenraum zu erschließen, ihn pädagogisch erfahrbar zu machen. Der Kirchenraum der Kapelle wirkt hinein in das gesamte Gelände des Stadions, und das Gelände findet einen starken Fokus im Kirchenraum der Kapelle. Das Olympiagelände und die Kapelle lassen sich vielfältig im Unterricht und in der Arbeit in Schule und Gemeinde erschließen. Sie sind ein eindrückliche Lernorte und laden ein zu einem gemeinsamen Lernen ein.

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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 22. November 2018 15:35