2005: Fußball-WM in Deutschland

35. Studienkurs: Das Millionenspiel. Kirche und Sport und die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland

Profil und Auftrag der Olympischen Bewegung im Spannungsfeld des Hochleistungssport

Peter Steinacker

Coubertin nahm einen Ausfall des ethisch orientierenden Wissens (dazu gehört auch die Religion) wahr. Er wollte dieser Tendenz zur Säkularisierung mit der Olympischen Bewegung begegnen und damit eine neue Religion stiften, um den Zusammenhalt der (Welt-)Gesellschaft zu sichern. Die klassischen Religionen mit ihrer Betonung des Jenseits waren gescheitert, Coubertin wollte das Diesseits neu wertschätzen. Sport kann sittliche Kraft und Gemeinschaftsfähigkeit "bilden" (Olympia als Bildungsprogramm). Damit wollte Coubertin die Krise der europäischen Gesellschaft lösen und die Menschen als Individuen stärken. Die Olympischen Spiele wurden so als religiöse Spiele begründet, auch mit dem Kult der Nationen, der der Zivilisierung der Differenz und dem globalen Frieden dienen sollte.

Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball: Ultras - friedlich, sympathisch und unpolitisch? Entwicklung einer neuen Fußballfankultur und Folgerungen für die WM 2006

Gunter A. Pilz

Pilz beobachtet und analysiert bereits seit Jahrzehnten die Fan-Szene, v.a. die gewaltbereiten Hooligans. Seit etwa einem halben Jahr lässt sich eine Entwicklung feststellen, die das Bild der friedlichen "Ultras" in Frage stellt. Traten die Ultras zunächst an, um Fan-Kultur positiv und geistreich zu gestalten durch ein faires Selbstverständnis, durch bunte und originelle Choreographien in den Stadien und durch Kritik an Missstände rund um den Fußball, um sich so für eine Verbesserung der Stimmung in den Stadien, gegen eine weitreichende Kommerzialisierung und für die traditionelle Fußball-Kultur zu engagieren, so tauchten im Spätsommer 2004 Bekenntnisse zur Gewalt sowie Diskriminierungen und Sexismus in den entsprechenden homepages auf. Pilz fasst die Tendenz zusammen, indem er von den "Hooltras" spricht. Sie verlagern ihre politisch teils (rechts-)extremen Aktionen aus den Stadien heraus und können sich als Fans verdeckt "political correct" verhalten. Auch Aussteiger aus der rechtsextremen Szene finden bei den Ultras eine neue Heimat. Es werden in den Fanzines auch Konflikte zwischen Ost und West geschürt.

Das Fan- und Besucherbetreuungsprogramm WM 2006 - Ideen der AG Fan- und Besucherbetreuungsprogramme WM 2006 des OK der WM 2006. Folgerungen für Kirche, Sport und Soziale Arbeit

Gunter A. Pilz

Die Aufgabe aller Beteiligten ist, gemäß des Mottos der WM "Die Welt bei Freunden zu Gast" Gastfreundschaft erlebbar zu machen. Zumeist machen sich Betreuungsprogramme viele Gedanken über die VIPs, jetzt geht es aber um die breite Masse, die nach den Grundsätzen Freundlichkeit, Offenheit und Respekt empfangen und begleitet werden sollen. Die Programme beinhalten gewaltpräventive Maßnahmen mit gleichem Standard in allen WM-Städten. Es werden Fan-Botschaften eingerichtet und internationale Betreuungsteams zusammengestellt. Zur Orientierung dienen Fan-guides (ein Gesamtüberblick "Germany" und jeweils lokale guides der WM-Städte). Es werden Fan-spezifische Kulturangebote, u.a. auf Kulturmeilen und Fan-Parks, gemacht; public viewing der Spiele wird an vielen Orten möglich sein. Hier wären Möglichkeiten für kirchliches Engagement.

Bibelarbeit über Römer 8

Albrecht Thiel

Fußball - Leistung - Gesellschaft. Rituale und Inszenierungen in der Moderne

Gunter Gebauer

Kulturelle Beobachter (wie Theaterleute) sehen verwundert und neidisch auf den Fußball, weil er boomt und das Zuschauerinteresse groß ist. Gebauer benennt drei Gründe, warum die Massen zum Fußball gehen: - 1. die erste Art des Erinnerns ist die Gestik; die Spieler bewegen sich auf eine kollektiv typische Art, so dass die Zuschauer vertraute Bewegungsmuster wiedererkennen und sich identifizieren können. Es gibt so etwas wie eine gemeinsam geteilte (soziale) Motorik, eine Gemeinschaftsmotorik. Im Fußball sind durchaus auch nationale Typen des Spiels zu analysieren. Elementare Körpertechniken bilden Gesellschaft. Auch im Sport gibt es Sozialisation, Gewohnheiten. Durch die Bewegungen kommt es zur Übereinstimmung oder zur Disharmonie von Spieler und Zuschauer. - 2. die zweite Art der Erinnerung ist das Erzählen, das Erzählgemeinschaften hervorbringt. (Sport-)Journalisten erfinden nicht die Geschichten, sondern kolportieren sie. Die Erzähler und die Hörer sind affiziert von dem Erzählstrom. Fußballern werden keine Denkmäler errichtet (Ausnahmen bestätigen die Regel), sondern werden in Geschichten bewahrt. Im epischen Raum stehen viele Zeiten nebeneinander und werden permanent aktualisiert. Der Sport ist zwar eine agonale Welt, aber nicht aristokratisch wie die fiktive Literatur, sondern real - das ist der Mehrwert der Sporterzählung gegenüber der Fiktion. Große Gefühle und große Helden werden bewahrt, die aber nicht durch Glück oder Status groß geworden sind, sondern durch Arbeit und Können. - 3. Auch das Zuschauen vor den TV-Geräten ist ein emotionaler Akt (ähnliches auch vom Radio auszuführen). Der größte Teil heutiger Kenntnis vom Fußball ist medial vermittelt. Durch Medienkonsum findet nicht eine Vereinzelung statt, sondern der Aufbau einer neuen Gemeinschaft (Familie und Freundeskreis vor TV, Großbildleinwand an öffentlichen Plätzen u.a., aber auch der Einzelne ist Mitglied der Fernseh-Fan-Gemeinde). All das geschieht auch vermittels ritueller Handlungen, die an Gemeinschaft partizipieren lassen. Es findet eine Macht-Übertragung auf die Objekte der Verehrung statt, hier: auf die Spieler.

Gewinnen (nicht: Siegen!) und Verlieren

Dietrich Kurz

Das Spiel ist als eine freie, abgetrennte, ungewisse, unproduktive, geregelte und fiktive Tätigkeit zu bestimmen (R. Caillois). Wenn es Bestimmungen und Regeln des Spiels gibt, Zuschauer aber zum Spiel dazugehören, dann kann man fragen, ob es auch eine rechte Art des Zuschauens gibt, oder wie Allan Guttmann es in "Sports Spectator" nennt: "culture of spectatorship". In England gab es solche Diskussionen bereits im 18. Jahrhundert. (1.) Spiele sind nie ohne Metaspiele wie Medien, die das Spiel nicht nur weitergeben, sondern erst herstellen für diejenigen, die nicht im Stadion waren, wie Wirtschaft, wie Politik; andere Metaspiele wären etwa das Ticketspiel oder das Wetten. (2.) Zuschauer konstituieren moderne Sportspiele als Millionenspiele, sie beziehen sich auch auf die Metaspiele und vice versa. Dabei ist Fußball ein besonders gutes Zuschauerspiel, weil Zuschauer nicht passiv oder neutral sind, sondern sich mit einer Mannschaft identifiziert; Theaterstücke sind "als-ob"-Spiele, Fußball dagegen real (alea/agon). Zuschauer können Spielausgang durch Engagement (Anfeuern) beeinflussen. (3.) Elemente einer Kultur des Zuschauens sind 1. sich einlassen, 2. Leistungen (auch anderer) anerkennen, 3. sich engagieren, 4. Gemeinschaft feiern, 5. Fair play, 6. Loslassen und also unterscheiden können, dass das Spiel jetzt zu Ende ist.

Friedenspädagogik und Gemeindearbeit über den Fußball

Uli Jäger

Das Tübinger Institut berät und stellt Materialien zur Verfügung, die sich um Gewaltprävention, -management und Training drehen. Wie kann man sowohl auf der Micro- als auch auf der Makroebene mit Konflikten umgehen, so dass sie nicht in Gewalt umschlagen? Seit vielen Jahren arbeitet das Institut mit Brot für die Welt zusammen (Fair play for fair life, 1998, WM-Schulen, 2005/6) und will neben den Themen Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt auch entwicklungspolitische Themen aufnehmen. Friedenspädagogik versucht, Gewalt (individuelle, strukturelle und kulturelle) in Konflikten zu verhindern. Das interkulturelle Lernen soll dazu beitragen, dass Differenzen ausgehalten werden: wir sind gleich, weil wir verschieden sind. Fair play soll nicht durch Sanktionieren erzwungen, sondern durch Einsicht herbeigeführt werden. Da in Medien Gewalt konsumiert wird, ist Medienerziehung ein wichtiger Ansatzpunkt; neue Medien werden (kritisch) genutzt.

Was hat der IQ mit Fußball zu tun? Reales und Assoziatives zum Millionenspiel

Lutz Worms

Worms ließ teilhaben an seinen Erfahrungen als Leiter der Sportabteilung der Betheler Anstalten und als Organisator von Spielen mit Menschen mit geistigen Behinderungen. Fußball ist auch möglich für Menschen mit eingeschränkter Intelligenz, wobei eine exakte Grenze zwischen eingeschränkter Intelligenz und geistiger Behinderung kaum zu ziehen ist. Viele Fähigkeiten können erlernt werden, auch konzeptionelle, soziale und praktische Kompetenzen. Auch Menschen mit geistiger Behinderung bewältigen auf ihre Art die im Fußball notwendige Antizipation des Spiels, sie trainieren gerne, haben Lust am Körpererleben, freuen sich enthusiastisch über ein gewonnenes Spiel und lernen soziales Verhalten.
Wenige Wochen nach der WM findet in Deutschland unter der Schirmherrschaft des Kanzlers auch die Fußball-WM für Menschen mit Lernbehinderung statt (4. INAS-FID Fußball-Weltmeisterschaft 2006: 26. August bis 17. September 2006).

Fußball ver-rückt. Gefühl, Vernunft und Religion im Fußball

Peter Noss

Oft wird die Verbindung von Kirche und Sport über ethische oder transkulturelle Fragestellungen hergestellt, aber beim Sport geht es - wie in der Religion - auch oft um (1.) das Gefühl, Beispiel Rolle der Nationalmannschaft. (2.) Die Vernunft leuchtet auf bei den Aktionen gegen Antisemitismus und Rassismus. Fußball erfüllt (3.) religiöse Funktionen, wenn auf ihn Sehnsüchte etc. projiziert werden. Hier stellt sich für die Kirche die Herausforderung, dass sie nur durch kommunikative Teilhabe wirken kann. Vgl. das gleichlautende, vom Vortragenden herausgegebene Buch (2004 im Lit-Verlag, Münster, erschienen).


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Publikationsdatum dieser Seite: 2018-12-13