2004: Bildung

34. Studienkurs: Bewegte Bildung. Kirche und Sport im europäischen Jahr der Erziehung durch Sport

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Worte zum Tag

Hans-Joachim Fischer

Junge Menschen beim Wintersport. Trendsportart Snowboard. Freeriding - so heißt es im Insiderjargon der Snowboarder - in unberührter Natur abseits der Piste. Unberührte Tiefschneehänge. Schnee in Hülle und Fülle. Kristallklare, eiskalte Luft. Strahlende Sonne und ein tiefblauer Himmel bis zum Horizont. Himmel und Erde berühren sich.

Die Fotos sind Sinnbild unserer Sehnsucht nach Freiheit, nach einem Leben im Einklang mit uns selbst und der Natur. So haben wir es in den vergangenen Tagen hier in Sils erlebt: Auf den Pisten am Corvatsch oder auf den weiten Hängen von Corviglia Marguns, beim Langlauf auf den Silser Seen; und das alles ohne Diensthandy und den Druck beruflicher und familiärer Verpflichtungen. Den Lebensraum der Natur zu spüren, frei und unabhängig zu sein, sich körperlich zu fordern, zu schwitzen und anschließend entspannt müde zu sein von der sportlichen Bewegung. Wir haben Kraft getankt für Leib und Seele und für den Alltag, der nächste Woche wieder auf uns wartet mit Sitzungen in geheizten Räumen, der Hetze von einem Termin zum anderen und dem permanenten Druck, dies oder das auch noch erledigen zu müssen.
Übrigens: die Bilder, die ihr hier seht, fand ich nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, in einer christlichen oder kirchlichen Zeitschrift. Sie stammen auch nicht, wie der eine oder andere vielleicht schon gedacht hat, aus einer Aktion zum Jahr der Bibel.

Die Fotos waren vor einiger Zeit in einer Zeitschrift des Deutschen Skiverbandes, der sich vor wenigen Jahren endlich dazu durchgerungen hatte, den Snowboardsport als Alternative zum Skisport anzuerkennen und in den Verband aufzunehmen. "Freeriding" heißt diese Zeitschrift, die in ihrer Erstausgabe im Inhaltsverzeichnis folgendes ankündigt: "'The Spirit of Snowboard': Megascharfe Fotos und coole Bibel-Sprüche machen viel Lust auf die ersten Turns."

Gut, man mag darüber streiten, ob das Wort "cool" im Zusammenhang mit Bibelworten wirklich angebracht ist. Aber die Fotos finde ich wirklich gelungen und sie machen tatsächlich Lust auf die Bewegung im Schnee, auch wenn ich persönlich die Fortbewegung auf zwei Brettern bevorzuge. Auf meine Freude über die Fotos folgte aber bald die Ernüchterung, denn in der folgenden Ausgabe der Zeitschrift wurden einige Leserbriefe veröffentlicht, in denen unter anderem folgendes zu lesen war: "Dass Sie in Ihrer Zeitschrift Gotteslästerung zulassen, erstaunt mich." Oder: "Soviel Geschmacklosigkeit hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Die Bibelworte im Zusammenhang mit dem Snowboardsport sind eine Instinktlosigkeit. (...) Die abgedruckten Bibelverse stehen in einem Zusammenhang, der mit Natur und Sporterlebnis nichts zu tun hat." "Wenn schon mit Bibelargumenten so umgegangen wird, wünsche ich nicht, dass das zutrifft, was auch in der Bibel steht: "... Gott lässt sich nicht verspotten, denn was ein Mensch sät, das wird er ernten."

Diese Leserzuschriften haben mich überrascht und auch ein wenig erschreckt.

Ist es wirklich Gotteslästerung, wenn junge Menschen Lust an der Bewegung haben und dies mit Worten aus der Bibel in Verbindung gebracht wird? Glaube scheint demnach eine ernste, ja todernste Sache zu sein. "Jesus ist kommen Grund ewiger Freude", heißt es in einem Lied aus unserem Gesangbuch - aber diese Freude muss offenbar gewissen Normen entsprechen. Lebensfreude darf sich offenbar nicht ausdrücken in körperlicher Bewegung, in Sport und Spiel und darf erst recht nicht festgehalten werden in "megascharfen Fotos".

Um so mehr bin ich froh und dankbar dafür, dass ich das hier in Sils ganz anders erleben durfte mit freundlichen Menschen, ernsten und lockeren Gesprächen und dem gemeinsamen Nachdenken über Gott und die Welt; nicht zuletzt aber auch in der Freude an Sport und Bewegung.

Glaube ist etwas, was mich als ganzen Menschen betrifft, mit Leib und Seele. Jesus selbst hat die leibliche Dimension des menschlichen Daseins keineswegs herabgestuft. Er hat angesichts körperlichen Leids weder die Augen abgewandt noch aufs Jenseits vertröstet. Indem er viele Menschen von ihren Krankheiten heilte und hungrigen Leuten etwas zu Essen gab, zeigte Jesus, wie wichtig ihm das Körperliche war. Er ging sogar so weit, im heilenden Handeln die Nähe des Reiches Gottes spüren zu lassen.
Auch wenn Jesus bekanntlich nichts zum Thema "Sport" gesagt hat - vor dem Hintergrund seines ganzen Auftretens dürfen wir glauben, dass er allem, was dem Körper und seiner Pflege dient, seinen Segen gibt.

Ich wünsche uns allen, dass wir von dem, was wir hier in Sils gemeinsamen erleben durften, etwas mitnehmen in unsere Arbeit zu Hause, in die Familien und in die Gemeinden und Sportvereine. Dass wir etwas weitergeben von der Lebensfreude und der Liebe Gottes, die er uns schenkt immer wieder neu.

Gebet

Guter Gott, schenke uns jeden Tag Freude.
Schicke uns jemand mit einem Lächeln,
einem aufmunternden Wort,
einem hellen Blick über den Weg.
Zeige uns jeden Tag etwas Schönes:
die helle Sonne, Frost und Wärme,
einen tapferen Menschen,
eine gute Tat.
Gott, du wolltest, dass Freude mehr ist
als Genuss und Vergnügen,
die nur für Augenblicke unsere Sinne beschäftigen.
Freude geht tiefer, rührt unser Innerstes,
strahlt weit über den Augenblick hinaus.
Sie ist das Glück über Gutes, Schönes und Vollkommenes.
Ist das Sehen des Guten in den Dingen.
Ist das Erkennen, dass unser Dasein einen Sinn hat,
solange wir darauf stoßen.
Ist letzten Endes das Wiederfinden deiner Spuren
im Gesicht eines Menschen,
in den Zeilen einer Zeitung,
im Bogen eines Bauwerkes.
Ist die Freude an Gott.
Ohne dich gäbe es keine Freude,
ohne die Tat deines Sohnes keine frohe Botschaft.
Darum befreie uns von jenen traurigen Gestalten,
die uns vormachen,
Christinnen und Christen müssten vor Gram über die Schlechtigkeit der Welt
selber griesgrämig werden.
Wer sollte sich denn überhaupt noch freuen dürfen,
wenn nicht wir.

Amen.

Studienkurs 2016
Sils 2014

Der 46. Studienkurs des Arbeitskreises Kirche und Sport hat vom 27. Februar bis 5. März 2016 in Sils/Maria stattgefunden. Das Thema lautete "Rassismus als Phänomen der globalisierten Welt: Herausforderung für Kirche und Sport". Hinweis: der 47. Studienkurs findet vom 18. - 25. Februar 2017 statt.


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Publikationsdatum dieser Seite: Mittwoch, 10. August 2016 14:58